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Die Annahme, dass blinde Menschen nahezu übernatürlich gut hören können ist weit verbreitet. Doch ist diese Theorie auch wissenschaftlich belegbar?
2019-07-03

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Zusammenhang von Sehen und Hören: Können blinde Menschen besser hören?

Die Annahme, dass blinde Menschen nahezu übernatürlich gut hören können ist weit verbreitet. Doch ist diese Theorie auch wissenschaftlich belegbar?

 

Viele Filme und Geschichten drehen sich um einen Hauptdarsteller, der mit einer körperlichen Einschränkung lebt, diese aber durch eine Form von übernatürlichen Sinnen kompensiert. Wie könnte zum Beispiel ein blinder Superheld seine Schwäche ausgleichen? Mit einem ausgeprägten Gehör.

Der Zuschauer fragt sich vielleicht nach einem solchen Film: Wieviel davon stimmt? Natürlich gibt es die Superkräfte im realen Leben nicht, aber können blinde Menschen tatsächlich besser hören als sehende?

Bevor wir jedoch verstehen können, wie blinde und sehbehinderte Menschen Geräusche verarbeiten, müssen wir verstehen, wie Menschen mit Sehvermögen ihr Gehör überhaupt nutzen.

So hilft uns das Gehör

Ganz offensichtlich hilft das menschliche Gehör uns zu kommunizieren und die Geräusche um uns herum wahrnehmen zu können. Für Menschen ohne Seh- oder Hörschwäche sind diese Dinge ganz selbstverständlich. Der Gehörsinn hilft uns jedoch auf viele weitere Arten, die uns vielleicht gar nicht bewusst sind.

Wir nutzen das Geräusch von vorbeifahrenden Fahrzeugen, um sicherzugehen, dass wir die Straße unbeschadet überqueren können. Nach dem Blick in beide Richtungen, um sich zu vergewissern, dass kein Auto kommt, unterstützt uns das Gehör und lässt uns entsprechend reagieren, sobald sich ein Auto nähert. Unser Gehör hilft uns auch, das Gleichgewicht zu halten, vor allem wenn wir unsere Augen schließen. Unter der Dusche nutzen wir das Geräusch des plätschernden Wassers, um die Balance zu halten, während wir Haare waschen.

Die meisten Menschen bemerken nicht, in welchem Ausmaß sie Geräusche nutzen. Wer sein Leben lang sehen und hören konnte, befasst sich kaum mit den subtilen Arten der Sinnesnutzung.

Blinde Menschen nutzen Geräusche auf viel direktere Art. Mit Hilfe von hörbaren Anhaltspunkten schaffen sie sich ein räumliches Bewusstsein, um sich zurecht finden zu können und nicht gegen Gegenstände zu laufen. Der Ton des Fernsehers kann beispielsweise viel Aufschluss für blinde Personen geben, wo sie sich in einem Raum befinden. Von dort ausgehend können sie feststellen, wo sich der Fernseher befindet, wie weit sie davon entfernt sind und in welche Richtung sie gehen müssen.

Das Geräusch eines Blindenstocks ist ebenfalls hilfreich bei der räumlichen Wahrnehmung. Zwar werden Blindenstöcke primär dafür genutzt, Abstände einzuschätzen und Hindernissen zu identifizieren, sie erzeugen aber auch verschiedene Geräusche auf unterschiedlichen Oberflächen. Wenn eine blinde Person von einem Fliesenboden auf einen Teppichboden läuft, ändert sich auch das Geräusch, das der Blindenstock erzeugt. Wenn auch nur subtil, kann dieses Geräusch ein Stolpern verhindern.

Missverständnisse über besseres Hören

Die Aussage „Blinde Menschen können besser hören“ ist nicht immer korrekt. Während Menschen, die in jungen Lebensjahren blind geworden sind, meist eine größere Vielfalt an Geräuschen wahrnehmen, haben Andere keine verbesserte Hörfähigkeit. Studien zeigten zudem, dass blinde Menschen auf horizontaler Ebene eher besser hören, viele von ihnen jedoch Schwierigkeiten haben, Schallquellen auf vertikaler Ebene zu lokalisieren.

Generell lernen Blinde sich besser auf das Erkennen von Geräuschen zu konzentrieren, nachdem sie ihr Augenlicht verlieren. Menschen kompensieren auf natürliche Weise den Ausfall eines Sinnes mit den anderen Sinnen, wobei Hören einer der primäre Sinn nach Sehen ist. Trotzdem bedeutet blind zu sein nicht automatisch, besser hören zu können. Das verbesserte Hören ist etwas, was über Zeit entwickelt wird.

Das Gleiche gilt für sehende Menschen. Wenn Sie schon einmal durch einen dunklen Raum geirrt sind, ihre Brille abgesetzt oder ihre Kontaktlinsen verloren haben, haben Sie sich wahrscheinlich vorrübergehend auch auf ihr Gehör und ihren Tastsinn verlassen. Menschen ohne Sehbehinderung verlassen sich mehr aufs Sehen als auf die anderen Sinne, doch der Mensch kann sich anpassen, um auch ohne Sehsinn zurecht zu kommen.

Eine falsche Annahme ist, dass das Gehör von blinden Menschen mit Verlust des Augenlichts sensibler wird. Das ist nicht wahr. Die meisten Blinden haben komplett normale Ohren – ihr Gehirn ist das Organ, welches sich an die neue Situation anpasst.

Anpassung im Gehirn

In vielen Fällen des verbesserten Hörvermögens lernt das Sehzentrum des Gehirns, auf Schallwellen zu reagieren. Alle diese Bereiche sind miteinander verbunden, so dass bestimmte Teile des Gehirns neue oder zusätzliche Aufgaben zur Aufrechterhaltung der Ordnung übernehmen können. Das Gehirn möchte Dinge einfach und effizient verarbeiten, daher passt es sich an die bestehenden und neuen Umstände an. Diese Anpassungen können schnell erfolgen, je länger die Umstände bleiben, desto fester werden diese Veränderungen im Gehirn verankert.

Ein Beispiel: Stellen Sie ihre Möbel an bestimmte Plätze, gewöhnt sich das Gehirn an diese Positionen, so dass Sie nicht dagegen laufen. Das ist der Grund, warum man sich in den ersten Tagen nachdem Möbel einen neuen Platz in der Wohnung gefunden haben, oft den Zeh stößt. Das Gehirn hat sich noch nicht an die neue Position gewöhnt, Ecken und Möbel werden nicht mehr unterbewusst umgangen.

Ebenso gewöhnen sich Menschen, die an Hörverlust leiden, an, andere Sinne zu nutzen. Dies kann für das Gehirn stressig sein, so dass viele Audiologen regelmäßige Hörtests und bei Bedarf Hörgeräte empfehlen.

Hören sehbehinderte Menschen tatsächlich besser?

Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Viele Menschen mit einer Sehbehinderung sind in der Lage, Geräusche und Tonhöhen genauer zu erkennen, was Aufgrund der Anpassungen ihres Gehirns erfolgt. Es gab keine Veränderung an Ohr, Gehörgang oder Hörschnecke, nachdem sie ihr Augenlicht verloren haben. Der visuelle Kortex und das Hörzentrum des Gehirns haben sich an die neue Situation angepasst, um ein angenehmeres Leben zu führen.

Blinde und sehbehinderte Menschen haben in der Regel mehr Erfahrung und Übung andere Sinne stärker zu nutzen und erzeugen so die Illusion des “übernatürlichen” Hörens. Es gibt nichts Übernatürliches an ihrer Fähigkeit zu hören, sie wurde nur durch Übung und Anpassung verbessert. Menschen, die die menschliche “Echoortung” nutzen, haben ebenfalls Stunden des Trainings und der Konditionierung durchlaufen, um diese Fähigkeit zu perfektionieren.

Es ist auch wichtig zu beachten, dass Sehbehinderte in der Lage sind, sich selbst zu trainieren, um Geräusche besser wahrzunehmen. Studien zeigen, dass Sehende in der Lage sind, die menschliche Echoortung zu erlernen, obwohl dies keinen Nutzen für sie bringt. Es ist für ihr Überleben nicht notwendig, so dass die Fertigkeit weitgehend ungenutzt bleibt.

Zusammengefasst können blinde Menschen zwar in gewisser Weise besser höre, es handelt sich aber nicht um eine angeborene Fähigkeit oder Superkraft. Unser Gehirn ist komplex, und blinde Menschen haben andere Kenntnisse und Fähigkeiten als sehende Menschen.

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